In dankbarer Erinnerung an Ludwig Walderich

Am 31. Januar 2026 verstarb unser Ludwig Walderich im 88. Lebensjahr.

Ludwig hat die Bezirksgruppe Geislingen des BNAN geprägt wie kein anderer – er war ihr Spiritus Rector, war 1979 ihr Mitbegründer, war ihr Vorsitzender in den ersten 15 Jahren, danach stellvertretender Vorsitzender, später Schriftführer.
Selbst als er sich 2023 nach 43 Jahren aus dem Arbeitskreis zurückgezogen hatte, stand er seiner Bezirksgruppe weiterhin mit Rat und Tat zur Seite.

In der Anfangsphase hat er das neugeborene Kind behutsam entwickelt, schnell aber die Bezirksgruppe geradezu entfesselt. Dank der Fähigkeit, seine Begeisterung für die heimische Natur unaufdringlich, aber mit ehrlicher Überzeugung im Gespräch zu vermitteln, ist der Funke schnell übergesprungen – so konnte er manchen Aktiven für die Naturschutzarbeit gewinnen und eine leistungsstarke Truppe zusammenstellen.

Zu tun gab es genug, unter seiner Leitung wurde der Großteil der vereinseigenen Grundstücke erworben, die die Bezirksgruppe Geislingen bis heute pflegt. Er hat sich aber auch um die Geldbeschaffung für Grundstückskäufe gekümmert und z. B. den Kontakt zur Loki-Schmidt-Stiftung hergestellt, deren finanzielle Unterstützung den Erwerb der Weigoldsbergheide ermöglicht hat.

Ludwig hat die Natur ganzheitlich betrachtet, ihm war jedes Lebewesen wertvoll. Im BNAN wurde dieser Ansatz verwirklicht, denn hier trafen Schmetterlingsliebhaber, Amphibienexperten, Pilzkundler, Vogelfreunde, Botaniker und viele andere aufeinander – jeder sollte sich einbringen, um die gesamte Lebensgemeinschaft eines Biotops erfassen und schützen zu können. Der BNAN wurde somit „sein“ Verein, denn er fand dort die Möglichkeit, Naturschutz nach seinen Vorstellungen aktiv zu gestalten. Beispielhaft hierfür steht das Feuchtgebiet Turm – ihm war die Anlage dieses Biotops ein Herzensanliegen: Ohne seinen Einsatz gäbe es diesen v. a. für unsere Amphibien so wertvollen Lebensraum nicht.

Mit seinen Vorträgen und Artikeln für das Jahresheft der Bezirksgruppe hat er zahlreichen Menschen die heimische Natur und deren Schutzbedürftigkeit nahegebracht, als Exkursionsleiter hat er sein umfangreiches Wissen gerne den Teilnehmern weitergegeben. Unzählige Stellungnahmen, Vorschläge und Gutachten zu geplanten Naturschutzgebieten und Naturdenkmalen hat er verfasst, maßlosen Flächenverbrauch und unsinnige Eingriffe in den Naturhaushalt hat er angeprangert. Dabei war er stets in der Sache entschlossen, ist seinem Gegenüber aber immer respektvoll begegnet. Seine Expertise war sowohl für den amtlichen als auch den privaten Naturschutz unverzichtbar. Dass er bei den Arbeitseinsätzen zur Biotoppflege mit gutem Beispiel voranging, war für ihn selbstverständlich. Er war ein Schaffer in allen Bereichen und er wusste, dass nur das eigene Tun andere zu ermuntern vermag, selbst aktiv zu werden. Dadurch hat er in der Bezirksgruppe eine Kameradschaft zuwege gebracht, die nach wie vor unverbrüchlich hält. Sein Engagement ging weit über das Vereinsleben hinaus. Ihm war auch das Menschliche wichtig – das, was seine Kameraden und Freunde bewegte, er hatte immer ein offenes Ohr und einen guten Rat – das hat bis heute Schule gemacht.

Drei Beispiele unter vielen mögen zeigen, welch unglaubliche Leistungen Ludwig Zeit seines Lebens vollbracht hat, wohlgemerkt in seiner Freizeit, neben Familie und Beruf, ehrenamtlich.

Zu seinen Lieblingsbiotopen zählten zweifellos die Felsen unserer Heimat, mit ihren Eiszeitrelikten und der Urvegetation der Steppenheide. Er hat über Jahre hinweg alle Felsen des Landkreises Göppingen nach seinem System nummeriert und für jeden von ihnen die dort wachsenden Pflanzen kartiert. Das Ergebnis seiner Untersuchungen hat er in einer über 160 Seiten starken Schrift zusammengefasst; der Umfang gesammelter Daten mit Koordinaten der Felsen und detaillierten Pflanzenlisten zeigen den Wissenschaftler, Berichte über Naturschutzbemühungen bezüglich besonders gefährdeter Pflanzen und Darstellungen der Charakterarten dieser wundervollen Biotope lassen uns den Naturliebhaber und glühenden Naturschützer erkennen. Nicht von ungefähr gehörten Felsen-Hungerblümchen, Pfingstnelke oder Berg-Kronwicke zu seinen Lieblingsblumen. Dass dieser unvergleichliche Schatz nach wie vor nicht nur für unsere Bezirksgruppe, sondern auch für den amtlichen Naturschutz eine einmalige Informationsquelle ist, zeigt sich immer wieder, wenn es um den Schutz der Felsgebiete vor übereifrigen Kletterern und Wanderern geht, besonders aber bei geplanten Pflegemaßnahmen, die durch den zunehmenden Nährstoffeintrag in diese Standorte leider immer öfter notwendig werden. Dank Ludwigs Aufzeichnungen können die sensiblen Bereiche unter Berücksichtigung der dort wachsenden Pflanzen entsprechend gepflegt werden. Hingewiesen sei auch auf den körperlichen Einsatz, den dieses Werk dem Autor abverlangt hat, in unwegsamem Gelände und steil abfallenden Felsflanken – für seine Pflanzen war Ludwig keine Anstrengung zu viel.

Ein weiteres wichtiges Anliegen war für Ludwig die bunte Flora der Äcker, deren Niedergang durch die Intensivierung der Landwirtschaft er in den 1960er und -70er Jahren mit großer Sorge beobachtet hat. Um Pflanzen wie Adonisröschen, Ackerrittersporn oder Breitsame vor der Ausrottung zu retten, wurde 1980 unter seiner Führung das Feldflorareservat bei Unterböhringen ins Leben gerufen. Dort konnten auf einer extensiv bewirtschafteten, vor allem ungespritzten Ackerfläche Samen von Segetalarten aus der Umgebung eingebracht werden und somit etliche Ackerwildkräuter vor dem endgültigen Verschwinden aus unserer Gegend gerettet werden. Nach einer Erweiterung 1992 wurde das Feldflorareservat durch die Aufnahme in das Projekt „100 Äcker für die Vielfalt“ im Jahre 2010 zum Schutzacker geadelt. Nach 30 Jahren kam das Verschwinden unserer Ackerkräuter und der von ihr abhängigen Tierwelt somit langsam in der Öffentlichkeit an – das zeigt den Weitblick von Ludwig, dem wir u. a. verdanken, dass 2023 der Breitsame nach langer Zeit wieder im Schutzacker geblüht hat. Abgesehen davon war ihm das Wohlergehen der Essig-Rose am Heckenrand des Ackers stets ein wichtiges Anliegen. Hier der Botaniker und Artenschützer, dort der Pflanzensoziologe und Biotopschützer.

Wenn man überhaupt eine Vorliebe in den zahlreichen Projekten von Ludwig ausmachen will, so steht die Rauhe Wiese bei Böhmenkirch wohl hauchdünn auf Platz eins. Dr. Rudolf Hauff hat ihn Mitte der 1960er-Jahre an diese ganz andere Pflanzenwelt des Albuchs herangeführt, und in Ludwigs Aufzeichnungen ist zu lesen, wie ihn die Flora der Hülben, Erdfälle und Mooranflüge, aber auch die Amphibien- und Insektenfauna sofort begeistert haben. Sumpf-Blutauge, Moosbeere und Arnika haben ihn zeitlebens nicht mehr losgelassen, und von Dr. Hauff hat er bereitwillig dessen Vermächtnis übernommen: Die Bemühungen um den Erhalt und Schutz der verbliebenen Biotope, besonders der Neuen Hülbe. Er hat Dr. Hauffs Arbeit fortgesetzt, unermüdlich die Pflanzen kartiert, die Veränderungen der Biotope notiert und bei Gemeinde und Behörden den Schutz und die Pflege des einmaligen Naturerbes der Rauhen Wiese eingefordert. Und natürlich hat er selbst Hand angelegt, sei es bei der Mahd der Wiesen rund um die Hülben, sei es durch Auspflocken empfindlicher Bereiche vor umfangreicheren Pflegemaßnahmen. Auf seine Veranlassung wurden Mißstände wie Badebetrieb, Gülleeintrag, Müllentsorgung oder Traktorwäsche in den Hülben abgestellt, die Umgebung der Hülben zur Steigerung des Artenreichtums abgeplaggt und die Hülben selbst von Sukzession befreit oder zur Bewahrung der Wasserflächen ausgebaggert; darüber hinaus hat er die Biotope ins Bewusstsein der Bevölkerung als einmaliges Naturerbe in der Kulturlandschaft gerückt, wie die von Seiten der Gemeinde angebrachten Schautafeln an den Hülben bei den Heidhöfen zeigen. Auch hier hat sein gutes Verhältnis zum behördlichen Naturschutz die Umsetzung vieler Maßnahmen erst möglich gemacht. Das Vermächtnis von Dr. Rudolf Hauff ist jetzt auch das Vermächtnis von Ludwig Walderich. Auf der Grundlage von Ludwigs Beobachtungen, Pflegeempfehlungen, Entwicklungsideen und der von ihm geschaffenen vertrauensvollen Zusammenarbeit mit Behörden, vor allem dem Landschaftserhaltungsverband Göppingen, hoffen wir auf dem richtigen Weg zu sein, diesem Erbe gerecht zu werden.

Neben großer Trauer verspüren wir ebenso große Dankbarkeit. Danke, lieber Ludwig, für Dein Lebenswerk. Du hast die Bezirksgruppe Geislingen auf ein festes Fundament gestellt und vorgelebt, wie Naturschutz im Ehrenamt erfolgreich umgesetzt wird. Du hast uns gezeigt, wie der in salbungsvollen Reden so oft bemühte Dienst an der Allgemeinheit wirklich funktioniert – es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Jetzt wandelst Du auf den Blumenwiesen der neuen Schöpfung, wie Du selbst einmal geschrieben hast. Du bist aber ebenso in jedem Arbeitskreis, auf jeder Exkursion, bei jeder Biotoppflege unter uns.

Danke, dass Du uns Anführer, Vorbild, Lehrer, Kamerad und Freund warst.
Wir wollen alles dafür tun, Dein Lebenswerk in Deinem Sinne fortzusetzen.