13. & 14. Juni – Tage der Artenvielfalt 2026 – Artenvielfalt am Haarberg
Zweimal „Tag der Artenvielfalt“, zweimal überwältigende Eindrücke, zweimal ideales Exkursionswetter, zweimal überaus sympathische und interessierte Teilnehmerinnen und Teilnehmer, zweimal anregende Gespräche über Pflanzen, Schmetterlinge und Käfer, über Natur- und Artenschutz, über die Probleme und Herausforderungen im Naturschutz – aber auch über Gott und die Welt.
Die Tage der Artenvielfalt am Haarberg haben wieder einmal gezeigt, wie bereichernd der gemeinsame Austausch über die Natur sein kann. Sie haben nicht nur viele spannende Beobachtungen ermöglicht, sondern vor allem auch große Freude gemacht.
Dank der Fils gibt es im Goißatäle die Alb gleich doppelt: Sie hat sich hier tief ins Kalkgestein gegraben und mit Unterstützung ihrer Zuflüsse im Norden etliche Berginseln herauspräpariert, gleichzeitig im Süden einen zweiten Albtrauf geschaffen. Im Nordwesten der Filsalb liegt an einem dieser Umlaufberge der Haarberg, von den Einheimischen auch als Kreuzberg bezeichnet. Die geologischen Verhältnisse und die unterschiedlichsten Nutzungsformen jahrhundertelanger menschlicher Kulturarbeit haben dort eine kleinräumige, reich strukturierte Landschaft hervorgebracht, die einen Brennpunkt der Biodiversität im Landkreis Göppingen darstellt.
Ackerland, extensive Mähwiesen, Obstwiesen, Wacholderheiden, Schutthalden und verschiedene Waldgesellschaften sind ineinander verzahnt, wodurch eine Vielzahl unterschiedlichster Biotope entsteht, die allerlei Tier- und Pflanzenarten durchs ganze Jahr hindurch eine auskömmliche Lebensgrundlage bieten. Schon im Vorfrühling blühen beispielsweise Frühlingsenzian, im Volksmund Schusternägele genannt, und Küchenschelle auf den Wacholderheiden und liefern frühen Insekten nach dem Winter erste Nahrung. Die Küchenschellenblüten bieten darüber hinaus warme Übernachtungsplätze in kalten Frühjahrsnächten.
Im Vollfrühling und Frühsommer explodiert das Leben am Haarberg. Jetzt ist die hohe Zeit der Orchideen, von denen bislang 25 verschiedene Arten im Gebiet nachgewiesen wurden. Inzwischen findet man dort auch wärmeliebende Arten wie den Ohnsporn oder die Riemenzunge, die vor vier Jahrzehnten in Deutschland nur am wärmebegünstigten Kaiserstuhl oder im Moseltal zu finden waren. Ochsenauge, Alant, Horn- und Hufeisenklee, verschiedene Wildrosenarten, Kreuz- und Gelber Enzian verzaubern die Heide in ein Paradies, der Blaurote Steinsame taucht den Boden der trockeneren lichten Wälder in Blau. Unvergleichlich ist im Sommer die Graslilienblüte: Tausende der zarten Blüten ziehen einen weißen Schleier über große Flächen. Bis in den Herbst hinein geht das Spektakel, das mit dem Erscheinen von Fransen- und Deutschem Enzian langsam ausklingt. Bemerkenswert sind auch Arten der Segetalflora wie die deutschlandweit sehr seltene Spatzenzunge, die Ranken-Platterbse oder der Acker-Hahnenfuß, die am Fuß des Haarbergs an ungespritzten Ackerrändern und an naturbelassenen Wegen noch zu finden sind.
Von diesem Angebot profitiert natürlich auch die Tierwelt. Auf dem kreuzgeschmückten Gipfel des Haarbergs lassen sich Schmetterlinge wie der Schwalbenschwanz bei der Gipfelbalz beobachten, über die Heide jagt der Schmetterlingshaft und die Rotflügelige Schnarrschrecke ist leichter zu hören als mit dem Auge zu entdecken. Höherwüchsiges Gras bietet beste Voraussetzungen für Radnetzspinnen wie die Wespenspinne. In der Bachklinge des Klingelgrabens fühlen sich Salamander wohl; Wälder und Heckenriegel geben Vögeln wie Goldammer, Baumpieper und Neuntöter Brutmöglichkeiten und Nahrung.
Das Paradies am Haarberg ist indes keine reine Natur und kann nur erhalten werden, wenn vor allem die waldfreien Flächen regelmäßig gepflegt werden. Der Artenreichtum ist ein Nebenprodukt der Wirtschaftsweise unserer Vorfahren: Rodung und extensive Bewirtschaftung von Acker, Wiese und Weide haben durch die Jahrhunderte erst die Lebensmöglichkeiten für die meisten dort lebenden Arten geschaffen. Die alte landwirtschaftliche Nutzung ist heutzutage Geschichte und kann nur durch staatlichen und privaten Naturschutz in Form von extensiver Mahd oder Beweidung simuliert werden – überläßt man die Regie der Natur, so werden die wertvollen Offenlandflächen binnen kurzer Zeit vom Wald zurückerobert und gehen verloren.
