Spätsommerspaziergang bei Ave Maria, Deggingen

Wikipedia weiß, dass Spaziergänge der Entspannung, der Erholung oder der beobachtenden und gedankenvollen Muße dienen können. Es gibt sogar eine eigene Wissenschaft dafür: die Promenadologie. Ihr Ziel ist die konzentrierte und bewusste Wahrnehmung unserer Umwelt – oder, etwas einfacher gesagt: vom bloßen Sehen zum Erkennen zu kommen.

Damit ist eigentlich amtlich bestätigt, dass unser kleiner Spätsommerspaziergang rund um die Wallfahrtskirche Ave Maria keine gewöhnliche Wanderung war, sondern eine wissenschaftliche Veranstaltung. Die Kilometerleistung war zwar überschaubar, der Erkenntnisgewinn dafür beachtlich.

Zu sehen, zu hören und zu erkennen gab es jedenfalls genug.

Der Greifvogel am Himmel war ein Wespenbussard – und ausdrücklich kein Mäusebussard. Beim genaueren Hinsehen zeigte er sich schlanker, mit kleinerem Kopf und einem anderen Muster der Schwanzfedern als sein naher Verwandter. Promenadologie funktioniert also tatsächlich: Erst sehen, dann genauer hinsehen, schließlich erkennen.

Auch akustisch wurde wissenschaftlich gearbeitet. Das schnelle, laute und immer wiederkehrende „ki-ki-ki“, das wir aus zwei Richtungen hörten, war die Unterhaltung zweier Turmfalken. Funfact am Rande: Die lateinische Artbezeichnung Falco tinnunculus leitet sich von tinnunculus – klingend bzw. schellend – ab und nimmt damit direkt Bezug auf den charakteristischen Ruf.

Ein tiefes, sonores Krähen hoch am Himmel war ebenfalls eindeutig zuzuordnen: Die beiden Kolkraben flogen am Albtrauf entlang und ließen keinen Zweifel an ihrer Identität.

Auf den Wiesen flatterten Bläulinge, Weißlinge und Gelblinge – die letzteren als Goldene Acht bestimmt. Dazu gab es ein kleines Stillleben aus Herbstzeitlosen und Äpfeln. Letztere vermutlich nicht als botanisches Highlight, sondern eher als saisonale Dekoration.

Im Wald dagegen blüht Anfang September nicht mehr allzu viel. Aber wer braucht schon Blüten, wenn man Bäume hat?

Wir haben deshalb das Sprichwort „den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen“ einfach umgedreht und uns die einzelnen Bäume und Sträucher genauer angesehen. Buchen, Eschen, Linden, Ulmen sowie Spitz-, Berg- und Feldahorn und wilde Kirschen bildeten die Baumschicht. In der Strauchschicht fanden wir Heckenkirschen, Hartriegel, Kreuzdorn und Kriechende Rose.

Die vielen bereits verblühten Pflanzen unterschlagen wir an dieser Stelle einfach mal. Na gut – das Silberblatt nicht. Das war viel zu groß, groß genug, um sich erfolgreich gegen das Vergessenwerden zu wehren.

Dann ging es vorbei an der barocken Wallfahrtskirche hinaus auf die Heide. Und dort warteten sie bereits auf uns: die VIPs der Heide.

VIP steht hier natürlich nicht für „Very Important Person“, sondern für „Very Important Papillon“ – französisch für Schmetterling. Alternativ, weniger international, aber mindestens genauso passend: „Very Interessante Papillons“.

Unsere VIPs waren Bergkronwicken-Widderchen, auch Glückswidderchen genannt. Auf jeder der wenigen noch blühenden Skabiosen und Flockenblumen saßen ein, zwei oder sogar drei dieser kleinen, bunten Schmetterlinge.

Warum sind sie VIPs?

Zum einen sind sie in der Roten Liste Baden-Württemberg als stark gefährdet eingestuft. Zum anderen sind sie ausgesprochen anspruchsvoll und hoch spezialisiert. Die Raupen haben nur eine einzige Nahrungspflanze: die Bergkronwicke. Und die wiederum wächst nur auf kalkreichen Böden.

Das Widderchen braucht also nicht einfach irgendeine Wiese. Es möchte Kalkboden. Es möchte Wärme. Und am liebsten einen trocken-warmen Süd- oder Südwesthang mit Saumgesellschaften, Steppenheide, sehr lichtem Steppenheidewald oder waldnahen Wacholderheiden.

Kurz gesagt: Das Bergkronwicken-Widderchen hat ziemlich genaue Vorstellungen von seiner Wohnlage.

Und weil Baden-Württemberg für diese Art eine besondere Verantwortung trägt, gehört das Bergkronwicken-Widderchen auch zum 111-Artenkorb des Landes – zusammen mit 110 weiteren Arten, die hier einen Schwerpunkt ihrer Verbreitung haben und deshalb besonders geschützt und erhalten werden sollen.

Unsere VIPs selbst machten allerdings nicht den Eindruck, als würden sie sich von ihrer Gefährdungslage sonderlich stressen lassen.

Sie waren tiefenentspannt.

Am Chillen.
Am Sonnegenießen.
Möglicherweise sogar bei einem kleinen, unsichtbaren Drink.

Wir fanden: Davon kann man lernen.

Also nahmen wir uns die Bergkronwicken-Widderchen zum Vorbild und ließen den wissenschaftlich höchst anspruchsvollen Tag im Biergarten ausklingen.

2,5 Kilometer in 2¾ Stunden.
Damit haben wir wieder einmal eindrucksvoll bewiesen: Das legendäre BNAN-Exkursionstempo funktioniert auch dann, wenn Anfang September kaum noch etwas blüht.

Man muss nur gründlich genug hinschauen.

Oder eben promendologisch korrekt: sehen, erkennen – und anschließend einkehren.