Tag der Artenvielfalt 2024 – Fauna und Flora rund um den Tegelberg

Kuhfelsen - Exkursion Tegelberg am Tag der Artenvielfalt

Wir sind überwältigt von der Vielfalt, von der Anzahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei unserer Exkursion am Tegelberg.
Nachdem sicherlich nicht jeder der über 40 an unserer Natur Interessierten jede Art mitbekommen hat, werden wir hier die Strecke nochmals in groben Zügen  nachvollziehen.

Etappe 1 – Parkplatz bis Kuhfelsen

Der erste Wegabschnitt führte uns durch einen von Fichten dominierten Wirtschaftswald. Beidseits des sonnendurchfluteten Forstweges blühen rot der Wald-Ziest, mit weißen Dolden der Kälberkropf. Dort, wo es dunkler wird, ist das Reich des gelb blühenden Kleinen Springkrautes, einer ursprünglich aus Zentralasien stammenden Pflanze, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verwilderte. In ihrer Nachbarschaft haben wir den  Echten Ehrenpreis und das Rundblättrige Labkraut gefunden. Alles Pflanzen, die von der oberflächigen Versauerung des Bodens – hervorgerufen durch die dürren Fichtennadeln – profitieren.

Etappe 2 – Kuhfelsen

Na ja, eigentlich keine Etappe, mehr ein Punkt auf der Strecke. Aber was für einer! Ein herrlicher Blick über das Filstal mit seinen sehens- und schützenswerten Streuobstwiesen. Aber auch ein Blick auf Siedlungsdruck, Flächenversiegelung und Verkehrsproblematik. Hoch über dem Tal sind wir glücklicherweise diesen Problemen weit entrückt und können uns ganz der Vegetation des Felskopfes hingeben. Polster von gelb blühendem Scharfen Mauerpfeffer, hier und dort dunkelrot blühende Karthäuser-Nelken, einer 111-Artenkorb-Art, der nicht zu übersehende Natternkopf, tief-gelb blühendem Hornklee, weißer Schwalbenwurz und rosa blühender Esparsette. Relikte einer Urlandschaft, die für die Nutzung durch den Menschen ob ihrer Unzugänglichkeit und Kargheit nie interessant war. Hier findet sich die Steppenheide, die Robert Gradmann in seinem Buch „Pflanzenleben der Schwäbischen Alb“ beschrieben hat.

Exkurs: 111-Artenkorb

Im 111-Artenkorb befinden sich 111 Arten, die besonders auf unsere Hilfe angewiesen sind. Für viele dieser Tiere und Pflanzen haben wir in Baden-Württemberg eine besondere Verantwortung, weil sie schwerpunktmäßig hier vorkommen. Der 111-Artenkorb ist zentraler Bestandteil der 2013 verabschiedeten Naturschutzstrategie, die in erster Linie die Biologische Vielfalt in Baden-Württemberg stabilisieren und die heimische Tier- und Pflanzenwelt erhalten soll. Zudem soll sie den Stellenwert des Naturschutzes als gesamtgesellschaftliche Aufgabe stärken.

Etappe 3 – Kuhfelsen bis Altenstädter Panoramaweg

Vorbei an Liguster-Heckenrosen-Hartriegel-Gebüsch, zu deren Füßen die blutroten Blüten des gleichnamigen Storchschnabels leuchten, führt der jetzt schale Wanderweg an der oberen Hangkante in einen von Eichen und Hainbuchen dominierten Wald. Die Bedingungen sind dort für die den Albtrauf beherrschende Buche zu extrem, zu trocken, zu steinig. In dieser besonderen Waldgesellschaft finden wir den blühenden Türkenbund, die auffällig großen Blüten der Pfirsichblättrigen Glockenblume, das aufgrund seiner kleinen grün-braunen Blüten unauffällige Langblättrige Hasenohr, die Fruchtstände des längst verblühten Männlichen Knabenkrautes und die Blätter der Vielblütigen Weißwurz, inzwischen auch schon Früchte tragend.
Der Wanderweg führt in einigen Kehren steil den Berg hinab.  Unterhalb des Albtraufes ist dann auch die Buche wieder die Herrscherin des Waldes. Jedoch nicht wie auf der Albhochfläche als langschäftiger, gerader Baum, sondern krumm, verzweigt, mehrstämmig. Die Buchen sind aber nicht allein: auffällig viele der unscheinbaren Wunderveilchen sowie verblühte Schlüsselblumen,  Mandelblättrige Wolfsmilch und die Nestwurz, eine blattgrünlose Orchidee, säumen den Wegesrand. Unmerklich, mit jedem weiteren Schritt talwärts, ändert sich der Wald erneut.
Es wird gebüschreicher. Am linken Wegesrand zieht ein kleiner Baumschössling unsere Aufmerksamkeit auf sich. Vor lauter nach unten Blicken hatten wir fast den Elternbaum übersehen. Ein für diese Art mächtiger Baum steht am talseitigen Wegesrand – eine Elsbeere, Baum des Jahres 2011! Eine weitere 111-Artenkorb-Art.

Etappe 4 – Panoramaweg

Wo fängt man, an wo hört man auf, wenn auf jedem Schritt eine andere Art auftaucht?
Anfangen müssen wir damit, dass Bäume in den Himmel wachsen. Jedoch so langsam, dass derjenige, der täglich denselben Blick vor Augen hat, dies gar nicht bemerkt. Wenn man dann über ein vor hundert Jahren, vor 150 Jahren aufgenommenes Foto stolpert, dann ist die Überraschung immens, das Erstaunen exorbitant.
Ist das der Tegelberg, soll so mein Tegelberg  mal ausgesehen haben? Ja! Der Berg war mal – vor gar nicht allzu langer Zeit, bis weit über die halbe Höhe baumlos.

Hier am Panoramaweg finden wir in den Relikten des einst weitläugigen Trockenrasens den Blutroten Storchschnabel (Geranium sanguineum) wieder. Die Pflanze, die als Charakterart einer ganzen Waldsaumgesellschaft ihren Namen gegeben hat: dem Verband Geranion sanguiei.  Selbstredend war der Blutrote Storchschnabel auch schon Blume des Jahres: 2001.
Die Waldsäume, ganz besonders die trockenwarmen Übergänge sind die artenreiche Lebensräume der Schwäbischen Alb: Breitblättriges Laserkraut, Sichelblättriges Hasenohr, Berg-Lauch, Edel-Gamander, Straußblütige Wucherblume, Weidenblättriges Ochsenauge, Kreuzblümchen, Sonnenröschen, Johanniskraut, Mittlerer Klee, Österreichischer Ehrenpreis bzw. Großer Ehrenpreis, Steinquendel, Warzen-Wolfsmilch, Heil-Ziest, Aufrechter Ziest, Berg-Leinblatt, Bienen-Ragwurz, Bunte Kronwicke und Bergkronwicke und, und, und…
Wobei die Bergkronwicke, die in Deutschland ihr Hauptverbreitungsgebiet auf der Schwäbischen und Fränkischen Alb hat, das Highlight des Tegelberges ist. Die Berg-Kronwicke ist der Grund, dass die Gebüsche am Panoramaweg regelmäßig – aus Artenvielfaltsicht gerne öfters – entfernt werden. Die Bergkronwicke, die bei unserem Besuch leider zum allergrößten Teil schon verblüht war, ist die einzige Futterpflanze des Bergkronwicken-Widderchens (Rote Liste Deutschland: 2 – stark gefährdet), einer weiteren 111-Artenkorb-Art.

Exkurs: Schlagzeilen!?

Es gibt da die Geschichte, möglicherweise eine urbane Legende, verjährt und keine üble Nachrede.
Als in den 1990er Jahren der Panoramaweg freigeschnitten wurde, kam ein Bericht dazu in der lokalen Presse, der sinngemäß so ging: Hahaha, jetzt glaubt ihr Geislinger wohl, dass wegen euch und eurer Aussicht auf euer Städtchen am Panoramaweg gerodet wurde. Von wegen! Nur wegen eines kleinen Schmetterlings, den ihr noch nie gesehen habt, wurde das gemacht.
Inzwischen sind wir zum Glück weiter: es gibt einen 111-Artenkorb und einen Tag der Artenvielfalt und viele an der heimischen Natur Interessierte.
Wobei: billige Schlagzeilen gibt es auch noch im Jahr 2022, wenn auch nicht auf der Geislinger Alb: „Kein Witz: Straße wegen Schmetterling gesperrt“

Etappe 5 - Panoramaweg bis Tegelhof

Hätten wir den Fahrweg für den Aufstieg genommen, dann wären wir noch an Tollkirschen, noch nicht blühendem Wasserdost und Klette vorbeigekommen. Wertvolle Insektentankstellen, die Ränder der Forstwege als wertvolle Biotope adelnd – weit mehr als nur Unkraut, das abgemäht werden muss. Wir haben jedoch den Wanderpfad als Aufstieg gewählt.
Wohl wissend, dass eine umgestürzte Esche den direkten Aufstieg erschwert, haben wir vorsichtshalber die BNAN-Handsägen eingepackt und waren an der Barriere glücklich, dass sich ein paar engagierte Säger des Hindernisses angenommen haben.
Auf der Hochfläche ein Acker mit Buchweizen. Gut, dass der Besitzer des Ackers mitgewandert ist und somit keine Fragen unbeantwortet mit auf den Weiterweg genommen werden mussten. Ein kurzer Stopp am Feld-Rittersporn, ein inzwischen als gefährdet eingestuftes Pflänzchen der Ackerbegleitflora, sowie bei den benachbarten Acker-Stiefmütterchen war die letzte Station auf unserem Rundweg durch die Artenvielfalt am Tegelberg.

Exkurs: Shifting baseline syndrom

Veränderungen, die langsam stattfinden, bleiben von den allermeisten Menschen unbemerkt. Jede Generation geht davon aus, dass ihre gewohnte Umgebung die Norm ist. Wir vergleichen Umweltzustände nicht mit historischen Basislinien, sondern mit unserer eigenen Ausgangssituation.

So fällt uns vielleicht auf, dass bisher kein einziger fliegender Schmetterling erwähnt wurde.
Es gab am Tag der Exkursion immerhin ein paar, höchstens eine Hand voll: 1 Kleiner Fuchs, 1 Taubenschwänzchen, 1 Gammaeule. Viel oder wenig? Natürlich wenig. Nur was ist wenig? Ist unser „viel“ das „wenig“ unserer Eltern? Ist gar deren „viel“ das „wenig“ unserer Großeltern?
Wer von uns kann sich an den Roten Apollofalter am Tegelberg erinnern? Niemand! Wer vermisst ihn heute dort? Niemand! Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden Schüler für die dort gesammelten Apollofalter von „Schmetterlingsliebhabern“ entlohnt. Gerüchten zufolge ein lukratives Geschäft.
Heute findet sich der Apollofalter auf der Roten Liste Deutschland in der Kategorie 1 – „vom Aussterben bedroht“ – wieder. Von den über 60 Fundstellen, die um 1900 auf der Schwäbischen Alb bekannt waren, sind alle bis auf eine verschwunden.

Wer erinnert sich, dass die Steppenheide am Kuhfelsen die meisten Küchenschellen rund um Geislingen aufgewiesen hat? Wenige! Inzwischen haben sich dort die Sträucher, gefördert durch den Stickstoffeintrag über die Luft, ausgebreitet und wir freuen uns an den wenigen Exemplaren. Übrigens: auch die Küchenschelle ist eine Art des 111-Artenkorbes.
Wir dürfen uns an der Artenvielfalt freuen. Wir sind aber auch verpflichtet, diese zu erhalten.
Nicht, weil irgendeine Regierung irgendwann einmal einen 111-Artenkorb erfunden hat, sondern aus eigener Verantwortung heraus.

Ziel erreicht

Der zünftige Abschluss unserer bergab- bergauf-Exkursion fand im Gasthaus Tegelhof, der exklusiv für uns die Türen weit geöffnet hat, statt. Vielen Dank dafür!